Aktionstage gegen Sexismus und Homophobie an der Uni Konstanz

Täglich werden wir auch in den Hochschulen am offensichtlichsten über Werbung, Zeitschriften und Lehrmaterialien mit sexistischen und homophoben Darstellungen und Texten konfrontiert. Dabei sind Sexismus und Homophobie die Konsequenzen einer patriachalen und heteronormativen Gesellschaft.

Die Veranstaltungen der Aktionswoche gegen Homophobie und Sexismus versuchen gesellschaftliche Unterdrückungsverhältnisse zu hinterfragen und greifen dabei unter anderem auf Ansätze der Queer Theory zurück.

Was ist nun unter queer zu verstehen?

Zunächst: einige Worte zur Entstehung queerer Theorien. Queere Fragestellungen haben sich in den 1990er Jahren in den USA entwickelt. Hervorzuheben sind in diesem Kontext die Schriften von Judith Butler, die entschiedenen Einfluss hatten, die queer studies im akademischen Rahmen zu etablieren. Fragestellungen, welche die Heteronormativität problematisieren, sind in der Forschung und Lehre der Universität Konstanz bisher jedoch wenig repräsentiert – und das, obwohl queere Theorien Fragestellungen aus natur-, wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Kontexten verbinden und daher Anknüpfungspunkte auf interdisziplinärer Ebene bieten.

Der Terminus queer ist nicht mit „schwul-lesbisch“ gleichzusetzen, sondern problematisiert gesellschaftliche Ordnungsverhältnisse und Normierungsprozesse im Allgemeinen. Queere Ansätze unterziehen verschiedenste gesellschaftliche Identitätskategorien einer kritischen Analyse: So wird versucht, Begriffe wie Geschlecht und sexuelle Orientierung, aber auch Ethnizität und Behinderung, und die damit verbundenen Ordnungsverhältnisse zu dekonstruieren. Diese Ordnungsvorstellungen sollen im Zusammenhang mit sozialen Machtverhältnissen gedacht und als normalisierende Prozesse begriffen werden – als Prozesse der Herstellung von Normen und „Normalzuständen“ und der Ausgrenzung der Abweichenden. Queer-Theorien wenden sich somit gegen eindeutige Identitätspolitiken wie „männlich-weiblich“ und begreifen normierende Mechanismen als Formen der Gewalt. Entsprechend versuchen sie, praktische Herangehensweisen für Lebensformen außerhalb dieser Normalisierungszwänge zu schaffen.

Folgerichtig ist es dann gerade Konzept des „gendermainstreaming“, welches hier überholt scheint. Ein Ansatz der mit klaren Geschlechterbildern arbeitet und letztlich nur wiederum seinen Teil zur binären Geschlechterlogik beiträgt.

In diesem Zusammenhang möchten die Veranstaltungen zur Aktionswoche gegen Homophobie und Sexismus nicht „nur“ für den Umgang mit Gewaltformen innerhalb der heteronormativen Matrix sensibilisieren, sondern die heteronormative Ordnung an sich in Frage stellen und sie einem breiteren interessierten Publikum näher bringen.

Um dem kritischen Anspruch treu zu bleiben, muss dabei jedoch auch auf die Integrationsfähigkeit der Queer Theory verwiesen werden. Wenn also Themen wie „diversity“ in den Personalabteilungen und Universitätsverwaltungen gehandelt werden, darf das Verhältnis zur herrschenden Ordnung nicht naiv oder verblendet sein. Auch die Queer Theory lässt sich in kapitalistische Verwertungszusammenhänge eingliedern – ob gewollt oder ungewollt. Vielmehr kann sie sogar nahezu analog zu Tendenzen – wie z.B. Individualisierung und Flexibilisierung – beschrieben werden, die in Wirtschaft und Staat Einzug halten. Wie die Vermittlungsverhältnisse und gegenseitigen Ursächlichkeiten aussehen, muss hier unbeantwortet bleiben. Festzuhalten bleibt: auch die Ansätze der Queer Theory müssen in einem breiteren gesellschaftskritischen Zusammenhang gedacht und gelebt werden, um ihrem emanzipatorischen Anspruch gerecht zu werden.

Die bundesweite Woche soll ein Zeichen setzen gegen Ungleichbehandlung und Ungerechtigkeit und für eine Welt in der Geschlechtlichkeit keine Rolle mehr spielt, wenn es um die Gestaltung unseres Lebens geht.

Veranstaltungsplan Aktionstage gegen Sexismus und Homophobie
«GESELLSCHAFT MACHT GESCHLECHT»
Konstanz 2010

1. Workshop an der Universität Konstanz Raum A703; Termin: Freitag, 12/11/2010  12:00 h
Vortragende: Katrin Ebert (Berlin)
Einführung in die Theorie Judith Butlers
Kritik der Identitätspolitik
Judith Butler ist eine der bedeutendsten Querdenker_innen feministischer Wissenschaft. Ihre Werke waren richtungsweisend für die Etablierung der „Gender Studies“ an deutschen Hochschulen. In diesem Vortrag wollen wir uns ihrer Kritik am Identitätskonzept sozialer Bewegungen, speziell des Feminismus, annähern. 

In ihrem Werk „Gender Trouble“ untersucht Judith Butler die Bedeutung des Subjekts ‚Frau‘ für die Frauenbewegung. Damit nimmt sie eine Form der Politik in die Kritik, die vielen von uns als Selbstverständlichkeit gilt – Politik auf Grundlage von Identität. Wir wollen einen kurzen Überblick über Butlers Kernaussagen geben und einen kritischen Blick auf die aus ihren Ideen resultierenden Praxen wie den Queerfeminismus werfen. Dabei könnte sich herausstellen, dass mit Butlers Theorie nicht nur etwas verloren geht – die scheinbare Selbstverständlichkeit politischer Subjekte, sondern auch etwas entsteht – Möglichkeiten neuer Bündnisse und neue Formen politischer Handlungsfähigkeit.

2. Workshop an der Universität Konstanz Raum A703; Termin: Freitag, 12/11/2010  14:00 h
Vortragende: Tove Soiland (Zürich)
Queer Identity und Neoliberalismus
Seit einiger Zeit ist in der Geschlechterforschung ein allgemeiner Trend zu einer Rückbesinnung und Standortbestimmung zu beobachten. Titel wie „Was kommt nach der Genderforschung?“ (Casale/Rentroff 2008) oder „Alles Gender?“ (Buchmayr 2008) scheinen dabei einer gewissen Ernüchterung Ausdruck zu verleihen, dass auch nach der weitgehenden Akzeptanz und Durchsetzung des gender-Paradigmas viele Fragen offen geblieben sind. Dass nach bald vierzig Jahren feministischer Theoriebildung das Bedürfnis nach einer Reflexion auf die eigenen theoretischen Grundlagen entstand, ist dabei nicht weiter verwunderlich. Bemerkenswert allerdings ist, dass gegenwärtig von verschiedener Seite die Frage aufgeworfen wird, ob sich der Feminismus samt der dazugehörigen Theoriebildung möglicherweise ohne es zu wollen in den Dienst gesamtgesellschaftlicher Prozesse gestellt hat, denen einst explizit seine Kritik galt. Dabei betrifft diese Problematisierung in erster Linie eine theoretische Entwicklung, die etwa Mitte der 1980er Jahre im Zuge des so genannten Cultural turn einsetzte und damit in der Tendenz zeitgleich mit dem Mauerfall. [Einleitung aus: „‚Gender’: Kontingente theoretische Grundlagen und ihre politischen Implikationen“ Tove Soiland]
Im Workshop soll nach Leerstellen im Diskurs der Kritik der Zweigeschlechtlichkeit gefragt werden: wie werden soziale Ungleichheiten darin sichtbar? Finden sich Anschlussstellen in den Identitätskonzeptionen der queer theory zu neoliberalen Anrufungen?

Weitere Termine:
Mittwoch, 10/11/2010
10 – 16 Uhr Infostand mit Büchertisch an der Universität Konstanz, Marktplatz
20 Uhr Filmvorführung im Radioraum (DGB-Haus am Zähringerplatz, Beyerlestr. 1, Konstanz)